Pressemitteilung: Jüdische Gemeinde Münster an der Seite Israel



Pressemitteilung: Jüdische Gemeinde Münster solidarisch mit Israel.

Viele unserer Mitglieder sind zurzeit mit ihren Familien, mit ihren Kindern in den Sommerferien. Auch unser Jüdisches Gemeindezentrum hat Betriebsferien, die in eine schwere Zeit fällt.

Täglich erreichen uns Nachrichten von Gewalt und Terror. Es gibt viel, ja viel Kritik an Israel. Manche Medien schrecken auch nicht davor zurück, Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu in scheußliche Karikaturen als Giftmischer oder als (Friedens-) Taubenvergifter darzustellen.

Wir finden dies wie auch die undifferenzierte Kritik an Israel völlig inakzeptabel. Wieder einmal wird mit zweierlei Maß gemessen: Syrien zählt inzwischen mehr als 17.000 Tote und mehr als 3 Millionen, die auf der Flucht vor dem Assad Regime sind. Syrien – nicht weit entfernt! – von Europa, wo Kinder, Frauen und Männer mit Giftgas ermordet wurden. Wo blieben da die Reaktionen aus Deutschland?

Israel hingegen wehrt sich gegen den Raketenbeschuss durch Terrororganisationen und steht wieder einmal einseitig an dem Pranger. Nachrichten, dass Millionen von Menschen in Israel vor dem Raketenbeschuss immer wieder in die Schutzbunker flüchten müssen, verhallt hierzulande scheinbar unbeeindruckt. Warum empört sich hier niemand gegen den tagtäglichen Raketenbeschuss auf israelische Zivilisten?

Welches Land würde es ohne Gegenwehr hinnehmen, dass die eigene Bevölkerung dem Beschuss von Raketen ausgesetzt ist? Und das zu jeder Tages- und Nachtzeit!

Israel hat das Recht und auch die PFLICHT (!), seine Bevölkerung vor Terrororganisationen zu schützen. Israel MUSS (!) sich wehren.

Und das geht in der augenblicklich bedrohlichen Situation nicht anders, als der Hamas deutliche zumachen, dass Terror sich nicht auszahlt. Die von der Hamas in in den weit verzweigten Tunnelsystemen und Wohngebieten von Garza angehäuften Waffen müssen zerstört werden, um Ruhe und Sicherheit für die Menschen in Israel wieder herzustellen.

Auch die Jüdische Gemeinde Münster begreift sich, wie alle Juden in der Diaspora, als Teil des Volkes Israel.  Wir sehen es als unsere Pflicht an, Israel auch in schweren Zeiten solidarisch zur Seite zu stehen.

Wir vertrauen dabei auch auf die Unterstützung unserer Partner und Freunde, die wir hier in Münster, in Westfalen, in Deutschland haben.

Sharon Fehr

Geschäftsführender 1. Vors.


Presseerklärung vom 19.7.2014

Michael Tillman
m-tillmann@muenster.de

Lieber Sharon Fehr!

Die jüdische Gemeinde hat in einer Pressemitteilung zu den bedrückenden Ereignissen in Nahost und zu den den Reaktionen, die diese Ereignisse hier in Deutschland hervorrufen, Stellung bezogen. Dankenswerterweise räumt sie auf der entsprechenden Internetseite die Möglichkeit ein, das auch zu kommentieren. Das möchte ich im folgenden tun. Ich weiß, dass es in diesen Tagen kaum möglich zu sein scheint, sich zu den aktuellen schrecklichen Ereignissen in Israel und Palästina zu äußern, ohne Gefahr zu laufen, missverstanden zu werden. Ich will es trotzdem versuchen.

In Ihrer Pressemitteilung sehen Sie den Staat Israel, seine Regierung und seine Bewohner in einer doppelten Opferrolle: Zum einen durch den Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen, zum anderen durch die Darstellung der israelischen Regierung in manchen (oder vielen?) öffentlichen Medien.
Die Raketenangriffe aus Gaza halte ich für völlig unakzeptabel und verurteile sie. Das höre ich auch von vielen Organisationen, die ansonsten gegenüber der israelischen Regierungspolitik vielfach eine kritische Haltung einnehmen. Es ist für mich offensichtlich, dass bei der Hamas Extremisten und Scharfmacher am Werk sind, die den Konflikt schüren, zivile Opfer bewusst in Kauf nehmen und damit Israel in der palästinensischen Bevölkerung dämonisieren wollen
Auf der anderen Seite muss man sich fragen, ob die israelischen Reaktionen zunächst auf die Entführung und Ermordung der drei Talmud-Schüler und auf den dann einsetzenden Raketenbeschuss aus Gaza mit inzwischen über 600 Toten (überwiegend Zivilisten) noch mit irgendeinem Gebot der Verhältnismäßigkeit in Einklang zu bringen sind.
Und vor allem: die israelische Vorgehensweise ist von einer deprimierender Perspektivlosigkeit. Wer kann ernsthaft glauben, dass die Militäraktionen diesen geschundenen Landstrich auch nur einen Schritt in Richtung eines friedlicheren Miteinanders weiterbringen. Das Gegenteil dürfte der Fall sein. Und wenn der Eindruck entsteht, die israelische Regierung würde in den deutschen Medien mit mehr Kritik überzogen als die palästinensische Seite, so hängt das möglicherweise auch damit zusammen, dass Israel sich als Teil der westlichen Wertegemeinschaft versteht, die praktische Politik aber mehr archaischen Mustern von Rache und Vergeltung zu folgen scheint.
Die Leidensgeschichte des jüdischen Volkes ist mir sehr bewusst. Aber mehr und mehr erfahre ich in den letzten Jahren auch über die Leidensgeschichte des palästinensischen Volkes, angefangen von der Nakba im Jahre 1948, über die Verhängung des bis heute andauernden Besatzungsstatus über Palästina 1967 und in der Folge eines Regimes systematischer Diskriminierung, Demütigung, Unterdrückung und Willkür gegenüber der palästinensischen Bevölkerung. Der Bau der monströsen Mauer, die israelische Siedlungspolitik, die politisch herbeigeführte Wasserknappheit in palästinensischen Siedlungen, die Hauszerstörungen – all das kann eigentlich nur Hass hervorbringen, der irgendwann fast immer in Gewalt mündet.
Auf einer von der katholischen Friedensbewegung Pax-Christi und der internationalen Ärztevereinigung IPPNW organisierten Reise durch Palästina und Israel vor zweieinhalb Monaten haben wir eine Reihe von Menschen und Gruppen kennengelernt, die sich diesem Mechanismus von Hass und Gewalt entziehen wollen und auf eine dezidierte Strategie der Gewaltlosigkeit setzen. Diese Menschen, die wir sehr bewundert haben, werden es jetzt noch viel schwerer haben, sich Gehör zu verschaffen.
Sie fordern Solidarität mit Israel! Ja, solidarisch will ich sein! Aber nicht mit einer Solidarität auf Kosten der Solidarität mit dem palästinensischen Volk. Und schmälert es in Ihren Augen meine Solidarität mit Israel schon, wenn ich mich dabei mehr den Haltungen von David Grossmann, von Amos Oz, von Reuven Moskovitz, von Moshe Zuckermann und der vielen israelischen Friedens- und Menschenrechtsgruppen, die jetzt einen so schweren Stand haben, solidarisch verbunden fühle?
Kaum etwas hat mich in meinem bisherigen Leben mehr geprägt als das Bewusstsein, einem Volk anzugehören, das den geschichtlich beispiellosen Zivilisationsbruch des Holocausts zu verantworten hat. Umso schwerer fällt es mir, meine Kritik an der israelischen Politik vorzubringen.
Lieber Sharon Fehr, wir sollten uns ernsthaft fragen, ob wir tatsächlich mit völlig einseitigen und kritiklosen Solidaritätsbekundungen in die eine oder die andere Richtung den Nahost-Konflikt nur quasi „eins zu eins“ in der Münsteraner Stadtgesellschaft abbilden wollen; oder ob wir versuchen, durch Dialog und beharrliches Zuhören Annäherungen als erste Schritte zum Frieden zu erzielen. Und wer weiß - vielleicht kann das sogar ein ganz klein wenig ausstrahlen auf die Konfliktparteien in der Krisenregion.
Mit dieser verwegenen Hoffnung grüße ich Sie und die jüdische Gemeinde freundlich
Michael Tillmann

Jüdische Gemeinde Münster
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