Grußwort zu Erew Purim in der Synagoge Münster, 04.03.2015/5775



Masken, Megilla – La Chaim -  das sind die ersten Stichwörter, dir mir persönlich einfallen, wenn ich an Purim denke.

All diese Dinge sind positiv besetzt. denken wir dabei doch an ausgelassenes Feiern, und das Vergessen des Alltages für einige Stunden.

Man könnte sagen: wenn die Menschen in Köln, Rio und Mainz ihren Karnevalskater ausgeschlafen haben, fangen die lustigen und ausgelassenen Stunden bei uns jüdischen Menschen erst an.

 Nur einmal im Jahr dürfen wir aus diesem Alltag ausbrechen und uns nicht mit den Alltagssorgen befassen.

 Doch bevor wir uns eine Clownsnase anstecken, in die bunte Verkleidung hüpfen, und dabei  Hamans Ohren verspeisen, und gefühlte alle dreißig Sekunden unsere Gläser zum »Le Chaim!« heben, sollten wir auf einige ernste Aspekte dieses Tages eingehen.

 Aus der Geschichte von Purim lernen wir, wie Juden in einer nichtjüdischen Gesellschaft lebten und leben.

 Wir sehen am Beispiel von Mordechai, dass Juden einerseits einen gewissen gesellschaftlichen Status erreicht haben, sich andererseits aber auch nicht unbedingt Jedem als Juden zu erkennen geben, wie am Beispiel von Mordechais Nichte Esther zu sehen.

Dieses Verhalten erkennen wir auch in unserem eigenen Handeln als Juden und dem unserer Vorfahren – wir sind akzeptiert, aber wir versuchen, uns unauffällig zu verhalten und uns der Gesellschaft anzupassen.

Für Haman sind Juden ein Fremdkörper – fremde, andersartige, die nicht nach persischen Gesetzen leben – ein typisches Bildnis der Antisemiten und ihres Hasses.

 Der Entschluss Hamans richtet sich nicht gegen Mordechai als Person, sondern gegen alle in Persien lebenden Juden. Man könnte sagen, Haman ist der Prototyp des modernen Antisemiten, dem es nicht auf eine konkrete (jüdische) Person, sondern auf alle Juden ankommt.

Und wenn wir uns die Schlagzeilen der letzten Wochen und Monate in Erinnerung rufen, sehen wir, dass dieser abgrundtiefe Hass gegen uns auch in der heutigen Zeit präsent ist und an Brutalität noch zunimmt.

Unsere Geschichte lehrt uns, dass wir uns nie genug verstellen werden können, um akzeptiert zu werden

Purim hat einen ernsten Hintergrund, den wir bei aller Freude und beim Feiern nicht vergessen dürfen.

 Purim gibt uns aber die Möglichkeit, mit Witz und Humor dagegen zu wirken, dem so oft traurigen Alltag zu entgehen und an diesem einen Tag alle unsere Sorgen und Probleme zu vergessen. Wir brechen Pπaus der Normalität aus,  und wollen wenigstens in dieser lustigen Zeit von Purim nicht daran erinnert werden,  dass uns spätestens am Tag nach dem Fest die Realität wieder einholen wird.

Doch jetzt und für die nächsten Stunden: Chag Purim Sameach

 Sharon

Es gilt das gesprochene Wort

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Einl. Gem. Purimfeier 08.03.2015.pdf186.98 KB

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