Teil 1: Fazit zum Gemeindetag aus dem Austausch mit Juden aus über hundert Gemeinden - Anregungen für die Zukunft unserer Gemeinschaft



Levi Israel Uferstern·Freitag, 16. Dezember 2016

Teil 1: Es ist schwierig, die Perspektive zu wechseln. Wir betrachten unsere jüdischen Gemeinden aus unserer Herkunft und Erziehung, unserem religiösen und kulturellen Selbstverständnis, unserem Beruf oder Amt und aus unseren Erfahrungen heraus. Je länger wir eine bestimmte Perspektive eingenommen haben, desto schwieriger wird es, größere Zusammenhänge, systemische Mechanismen und auch Probleme und ihre Folgen zu sehen.

Das Besondere am Gemeindetag ist, dass man hier – ist man offen für Dialog mit einem jeden – die einzigartige Möglichkeit hat, die Perspektiven von Gemeindevorständen und -geschäftsführern, Rabbinern, Kantoren, Religionslehrern und all den weiteren Gemeindeengagierten und Ehrenämtlern aus allen Bundesländern, aus extrem unterschiedlich großen Gemeinden, verschiedenen Strömungen, abweichenden Gemeindekonzepten und aus vier Generationen zu erfahren. Erst durch den Vergleich dieser diversen Blickwinkel und Erfahrungen erhält man eine Ahnung von gewissen Dynamiken, Fehlerquellen und auch davon, wann, wie und warum bestimmte Konzepte und Projekte erfolgreich funktionieren.

Mir sind in den vergangenen Tagen drei große Themen in den Gesprächen und Workshops immer wieder begegnet, die die meisten und größten Herausforderungen, Probleme, aber auch die schönsten und nachhaltigsten Möglichkeiten zum Erfolg bergen.

1. Kontinuität:

Die bitterste und schmerzlichste Erkenntnis für mich war, dass das alte Prinzip der Kontinuität der Gemeindestrukturen (Personen in Ämtern, Konzepte und Einrichtungen bleiben so lang wie möglich unverändert), das seit der Nachkriegszeit perpetuiert wird, in Wahrheit zur Erosion der Gemeinden führt. Was in den ersten Jahrzehnten gut und notwendig war, hat ganz allmählich, doch nun immer schneller fortschreitend große Probleme geschaffen, die sich viele Vorstände und Geschäftsführer, mit denen ich sprach, aber immer noch nicht recht zu erklären wissen. Es bleibt vielen leider unbegreiflich, warum ein jahrzehntealtes Modell nun „auf einmal“ oder „plötzlich“ – so sei es zitiert – nicht mehr funktionieren soll. Dabei bestanden einige Schwächen im Kontinuitätsprinzip schon seit jeher, kommen aber aufgrund demographischer Entwicklungen, die ungefähr zwei Jahrzehnte lang durch die Einwanderung der Kontingentflüchtlinge zu wenig Beachtung fanden, erst seit ein paar Jahren sehr bitter zum Tragen.

Personen bekleiden ihre Ämter und Funktionen viel zu lang; zehn, zwanzig, dreißig Jahre oder sogar noch länger. Die meisten Gemeindefunktionäre sind späten mittleren Alters, betagt oder hoch betagt.

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Jüdische Gemeinde Münster
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