Grabstein von 1313 oder 1314



WN 20.03.2021 von Martin Kalitschke

Den jüdischen Grabstein aus dem Jahr 1313/14 präsentiert das Stadtmuseum mit (v.l.) Dr. Bernd Thier, Dr. Aurelia Dickers, Stadträtin Cornelia Wilkens und Sharon Fehr (Jüdische Gemeinde). Foto: Oliver Werner Münsters

Stadtarchäologen haben mitten in der Stadt das älteste jüdische Grabsteinfragment Westfalens entdeckt.

Es befand sich in einer Bruchsteinmauer, die bereits 2016 bei Ausgrabungen unweit der Jüdefelderstraße freigelegt wurde, und stammt aus dem Jahr 1313 oder 1314.

Die Archäologen ließen die mehr als 1000 Bruchsteine, darunter Reste der 1821 eingestürzten Aegidiikirche, abtransportieren.

Bei der anschließenden Sichtung in einer Halle im Hafenviertel stellte sich heraus, dass einer der Steine eine hebräische Inschrift trägt.

„Der Abbau der Mauer war aufwendig und teuer“, so Stadtarchäologin Dr. Aurelia Dickers. Nun zeige sich, dass das die richtige Entscheidung war. Vollkommen überrascht sei sie gewesen, als bei den Grabungen eine Bruchsteinmauer ans Tageslicht kam – in der sich etliche Reste von Säulen, Maßwerken und anderen bearbeiteten Steinen befanden, die offenbar aus einer Kirche stammten.

Nach und nach konnten sie und Dr. Bernd Thier die Geschichte der Mauer und damit auch des jüdischen Grabsteinfragmentes rekonstruieren.

Der Grabstein, so Thier, stammt vom jüdischen Friedhof, der sich im Mittelalter am Standort des Gymnasiums Paulinum befand.

Als die Pest ausbrach, kam es 1350 zu Pogromen gegen Juden. Nicht nur die Synagoge hinter dem Rathaus, auch der Friedhof wurde zerstört.

Die Grabsteine wurden jedoch wiederverwendet – unter anderem beim Bau der Stadtbefestigung, im alten Turm der Lambertikirche und in der alten Aegidiikirche.

Dort landete auch das jetzt entdeckte Fragment, als die Aegidiikirche nach 1350 umgebaut wurde, so Thier.

Da es an einer Stelle gerundet ist, vermutet er, dass es in einer Säule verarbeitet wurde.

1821 stürzte die alte Aegidiikirche ein – sie stand dort, wo heute der Aegidiimarkt ist. Auch ihre Steine wurden wiederverwendet – unter anderem für die Bruchsteinmauer. „Damit können wir den Weg des Grabsteinfragments vom jüdischen Friedhof über die Aegidiikirche bis zur Mauer im Kuhviertel nachvollziehen“, so Thier.

Der oder die Verstorbene wurde „im Jahr 74 der Zählung des sechsten Jahrtausends“ (so die Inschrift) bestattet – also zwischen dem 22. September 1313 und dem 12. September 1314.

Weitere Grabsteine aus jener Zeit wurden im Laufe der Jahrhunderte auch an anderen Stellen in der Stadt wiederentdeckt, gingen jedoch allesamt wieder verloren.

Ausnahme: Ein 1950 unweit des Zwingers freigelegtes Fragment aus dem Jahr 1324.

Es befindet sich heute in der Synagoge. Dorthin soll auch der jetzt entdeckte Grabstein nach Ausstellungsende als Dauerleihgabe gehen, versprachen Dr. Bernd Thier und Museumsleiterin Dr. Barbara Rommé.

Für Gemeindevorsteher Sharon Fehr geht damit nach eigenen Worten ein Wunsch in Erfüllung. Bis 15. August, Stadtmuseum, Dienstag, Donnerstag, Freitag von 13 bis 17 Uhr; Mittwoch, Samstag, Sonntag von 11 bis 18 Uhr (Anmeldung erforderlich).


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